GHCC Kalender
<<  Dez 2018  >>
 Mo  Di  Mi  Do  Fr  Sa  So 
       1  2
  3  4  5  6  7  8  9
10111213141516
17181920212223
242526272930
31      

70 Jahre Karnevalverein

Beitragsseiten
70 Jahre Karnevalverein
Zaghafter Neubeginn
Zensierte Büttenreden
Jugend begeistern
Alle Seiten

 

70 Jahre Karnevalverein

Wenn in Geisa die Geiß meckert, sind die Narren los

Fastnachtstradition in der Ulsterstadt überlebte amtliche Verbote, Kriege, zwei Diktaturen und andere komplizierte Zeiten

Geisa – Vor 70 Jahren richtete der Geisaer Karnevalverein seine erste närrische Saison aus. Geisaer-Hinkelshagener-Carneval-Club

(GHCC) heißt der Verein seit 1970. Doch ist die Faschingstradition in der Ulsterstadt älter als sieben Jahrzehnte.

Aus dem Jahr 1786 stammt der erste urkundliche Beleg für das Fastnachtsbrauchtum in Geisa. In der „Hochfürstlich Fuldischen Verordnung von (der) Hegung der Zeitgeschichte“ wird die Einhaltung der geltenden Gesetze und Verordnungen angemahnt. Darin ist unter anderem vermerkt: „Das Neujahrsschießen, die sogenannten Hahlräder, Vermummungen auf Nicolai oder Christvorabend, Faßnachtsnachtsbegräbnisse und alle dabei öffentliche und ärgerliche Spektakel

sind der schwersten Strafe unterworfen.“ Der Geisaer Amtsvogt Franz Karl Gößmann schrieb in seiner „Denkschrift über den Zustand des hochfürstlichen Oberamts Geis und Rockenstuhl“ aus dem Jahr 1789: „... dergleichen (Missbräuche) waren noch beim Anfange meiner Administration die ungeschickten und die öffentliche Ruhe störenden Vermummungen an dem Vorabend des Nikolausfestes, die Faßnacht- und Kirchweihbegräbnisse, die Schwarzfärbereien wegen Verbrechen, bei den Handwerkern, die Hahlräder und Durchziehung der Fluren, bei nächtlicher Weile, mit Strohfackeln, das Spielen bei den Handwerkern, um (mit?) Messer und Karten ... vorhanden, deren Abschaffung ich mir aber durch besondere Amtsverordnungen eigens habe angelegen sein lassen, denn dergleichen Irrtümer um Mißbräuche schaden, ohne es zu wissen, und würdigen den Menschen zum Vieh herab, wohingegen Tugend und Wohlstand die Seele wandeln und den Menschen in den Stand versetzen, in jeder Verbindung des Lebens sich und andere für izt und für die Zukunft glücklich zu machen ...“

Die Rhöner feierten damals eine ganze Woche lang die Fastnacht. Los ging es mit dem „feisten Donnerstag“ – An diesem Tag musste man essen, „dass einem der kleine Finger steht“. Abschluss war stets das „Fastnachtsbegräbnis“, welches nicht selten bis in die Mittagsstunden des Aschermittwochs andauerte. An den Tagen und besonders den Abenden zwischendurch tanzten die Geisaer, am Rosenmontag gab es allerlei Mummenschanz, und am Dienstag einen Festumzug, den man später auf den Montag verlegte, wo er heute noch stattfindet. „In den Fastnachtszügen spielten drei Tiere eine besondere Rolle“, fand der Geiser Hobby-Historiker Wilhelm Ritz heraus, der sich unter anderem auch intensiv mit der Fastnachtsgeschichte beschäftigte. „Zunächst war es der Hahn, dann kam der mit Erbsstroh umwickelte Bär als ,wilder Mann‘ hinzu und seit 1880 als spezielles Symbol für Geisa die Traditionsgeiß“, schreibt er in der Rosenmontagszeitung von 1988.

Nach dem großen Stadtbrand 1883 mussten die Geisaer Narren ein paar Jahre pausieren, um dann noch toller als zuvor die Tradition wieder aufleben zu lassen. Überliefert ist, dass im „Fastnachtszug ohne Ende“ sogar angezogene Hunde und Katzen mitwirkten. Eine Gesangsgruppe unter Leitung von Richard Winter sorgte für den musikalischen Rahmen. 1913 fuhr erstmals ein närrisches Oberhaupt durch die Stadt: „Prinz Karneval“ Rudolf 1. (Braumeister Rudolf Kammandel). 20 Fahrzeuge geleiteten ihn. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ die Geisaer Jugend den Karneval wieder aufleben. 1923 organisierten die Ulsterstädter zum Beispiel einen großen Festumzug mit Bauernhochzeit und einem „Nasenverein“, der im „Lindensaal“ zur „feierlichen Nasenparade“ einlud.

1938 entschlossen sich die Geisaer, den Karneval endlich in organisierte Bahnen zu lenken. Der Vorstand des örtlichen Turn- und Sportvereins übernahm die Initiative und lud alle Interessierten zur Gründungsversammlung am 11. 11. selbigen Jahres in die Gastwirtschaft vom „Barönche“ (Anton Will) ein. 37 Gründungsmitglieder unterzeichneten die Urkunde, Erster Präsident wurde Adalbert Biel, der 1. Vorsitzende des Turn- und Sportvereins. „Vom Schlummer erwacht, ganz Geisa jetzt lacht“, so lautete das Motto der Saison. Beim Gastwirt Polle fand am 16. November 1938 die erste Elferratssitzung statt. Der Schlachtruf „Zicke Zacke Zicke Zacke Geisa ha!“ erklang, und die Ulsterstadt erhielt den Beinamen „Hinkelshagen“. 61 erwachsene und 38 jugendliche Mitglieder gehörten wenig später der Karnevalsvereinigung (KVG) an. Die erste närrische Saison unter Federführung des Vereins feierten die Geisaer mit Euphorie, und schon damals gab es ein Prinzenpaar, Hofdamen, Pagen, Elferrat, Bürgerwehr, Rekruten und Kolonialgruppe. Prinz Robertus I. (R. Müller) und Prinzessin Liesel vom Rockenstuhl (L. Faber) bestiegen am 12. Februar 1939 den Narrenthron. Im Januar hatte es in den Geisaer Gaststätten bereits Kappenabende mit Büttenreden und Gesang gegeben. Am 19. Februar 1939 stürmten die Karnevalisten das Rathaus, setzten den Bürgermeister und seine Stadträte gefangen. Die „Hinkelshagener Bürgergarde“ bot eine Parade, die närrischen Rekruten wurden vereidigt, im „Lindensaal“ gab es die 2. große Fremdensitzung, und am Abend war Preis-Maskenball. Der Rosenmontagsumzug am 20. Februar bestand aus 23 Bildern (Wagen und Laufgruppen).

 


 

Zaghafter Neubeginn

Nur von kurzer Dauer war die Karnevalsfreude. Die Schrecken der Nazi-Diktatur und der Zweite Weltkrieg sorgten für eine Zwangspause. 1946 begann die Geisaer Jugend wieder zaghaft mit den Karneval. Drei Jahre später entschlossen sich die Geisaer, das närrische Treiben wieder richtig groß zu feiern. Das geschah in der Saison 1949/50. Ein freies Vereinsleben war nicht möglich, nachdem die Sowjets in ihrer Besatzungszone erneut eine Diktatur errichteten. Trotzdem ließen sich die Geisaer ihren Karneval nicht nehmen und nutzten die bestehenden Nischen und Möglichkeiten. So schloss sich die Karnevalsvereinigung 1951 als selbstständige Arbeitsgemeinschaft dem Kulturbund an. Doch schon 1952 gab es eine Unterbrechung: Außer einem karnevalistischen Heimatabend gab es kein närrisches Treiben, und auch 1953/54 blieben die Narrenkappen ab. Erst in der Saison 1954/55 lebte die Tradition wieder auf. Erstmals zog mit Prinz Jupp I. vom Siebenborn und Prinzessin Hildegard vom Lenzenstamm ein Prinzenpaar in das neu erbaute Kulturhaus ein. Im folgenden Jahr gab es ebenfalls ein volles Karnevalsprogramm, doch dann war es wieder vorbei. Die Jugend sprang zunächst ein und sorgte 1956/57 mit dem „Jugendprinzen Phipp der Eiserne von der Braugasse“ für närrisches Treiben. Die alte Karnevalsvereinigung wagte in der Saison 1957/58 den Versuch, als „Volkskunstgruppe der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft“ das gewohnte Programm durchzuziehen, danach war wieder für mehrere Jahre Ruhe.

1961/62 ergriff wiederum die Jugend die Initiative. Der einstige Jugendprinz bestieg nun als Prinz Phipp I. vom Weinberg mit Prinzessin Erika vom Fürstenstein den närrischen Thron, den Präsidentenhut hatte Bernhard vom Schlossberg auf. Sie schlossen sich dem „Klub der Werktätigen“ als Arbeitsgemeinschaft an, um die Karnevalstradition fortzusetzen. Nach einer „Spar-Saison“ 1962/63 war der Knoten endlich geplatzt: Ab 1963/64 wurde regelmäßig wieder Karneval in der Ulsterstadt gefeiert, und zwar mit allem drum und dran.

Regelmäßig mit dabei sind bis heute beispielsweise die „Blauen Funken“. Auf Initiative von August Rohm entstand die Gruppe Mitte der 50er-Jahre, ebenfalls als Arbeitsgemeinschaft unter dem Dach des „Klubs der Werktätigen“. Später gründeten sie den Fanfarenzug, der den Verein auch außerhalb Geisas bekannt machte. Eine weitere Gruppe sind die „Türken“, die ihre Gründung Josef Winter zu verdanken haben. In den 50er-Jahren entstanden die „Bürgerwehr“ und die „Schwarzen Panther“ als Schutzgarde des Prinzenpaares.

Als Gesangsgruppe traten 1964/65 die „Geisbach-Lerchen“ (initiiert von Alois Etzel, Wilhelm Ritz und der Pianistin Christa Kling-Etzel) erstmals auf. Sie verbanden den mehrstimmigen Gesang mit Szenenspiel und Akrobatik. Zahlreiche Ballettgruppen bildeten sich seit Ende der 60er-Jahre, auch Gymnastikgruppen wirkten beim närrischen Treiben mit.

 


 

 

Zensierte Büttenreden

1970 nannte sich die „AG Karneval“ in „Geisa-Hinkelshagener-Carneval-Club“ (GHCC) um. Der Rosenmontagszug nahm in den folgenden Jahren immer größere Dimensionen an. In den 70er-Jahren wirkten rund 500 Geisaer und Gäste mit, 1988 waren es bereits mehr als 850. Die Lage im DDR-Grenzgebiet beschränkte damals die Zahl auswärtiger Besucher: Nur mit gültigem Passierschein durfte das Sperrgebiet betreten werden. Zudem betrachteten die Machthaber in der DDR das närrische Treiben mit Argwohn. Freie Meinungsäußerung in Büttenreden und anderen karnevalistischen Beiträgen waren nicht gewollt. Daher mussten die Manuskripte vor der Veranstaltung stets mehrfach zur Zensur eingereicht werden. Damals galt es, vor allem zwischen den Zeilen Politik-Kritik rüberzubringen – eine Herausforderung für die Büttenredner.

1987 übernahm Peter Kling die Präsidentschaft und führte den Verein 21 Jahre lang erfolgreich. In seiner Amtszeit gelang es, den Geisaer Karneval auch über die Region hinaus bekannt zu machen. Nach der friedlichen Revolution und der Grenzöffnung nutzten die Geisaer Karnevalisten die gewonnene Freiheit. Närrische Gruppen aus dem benachbarten Hessen gehören seitdem zu jedem Geisaer Karneval. Doch auch im thüringischen Umland konnten mit dem Wegfall des Sperrgebietes Kontakte geknüpft werden, die vorher nicht möglich waren. Peter Kling initiierte neue Traditionen wie das Ex-Prinzenschlagen, wobei das Prinzenpaar der Vorsaison zur Novemberveranstaltung eine (meist gemeinnützige) Aufgabe gestellt bekommt.

Die Karnevalisten sind auch abseits der Bühne für ihre Heimatstadt aktiv. So halfen sie bei Aufforstungsarbeiten im Stadtwald, initiierten den Wiederaufbau des Geisaer Waldhäuschens, unterstützen Kindergärten, Altenheim, organisierten Benefizveranstaltungen. Doch auch bei Veranstaltungen wie der 1175-Jahrfeier, dem Athanasius-Kircher-Fest und dem Geiserämterfest waren die GHCC-Mitglieder aktiv dabei.

Im November 2008 übergab Peter Kling den Präsidentenstab an Heribert Mohr, der versprach, den erfolgreichen Weg des Geisaer Karnevals fortzusetzen. „Der GHCC ist einer der wenigen Vereine in Thüringen, die sowohl Bühnen- als auch ausgelassenen Straßenkarneval organisieren“, betont er. 1300 Mitwirkende beim Rosenmontagsumzug, reichlich 20 Stunden Büttenprogramm pro Saison, sechs Sitzungen (Eröffnungssitzung, Fremdensitzung, Prinzenkürung, Damengala, Prunksitzung, Seniorenfastnacht), drei Bälle (Kostümball, Rosenmontagsball, Kehraus) belegen die Dimension des Geisaer Karnevals. „Wir haben aber auch ein sehr aufmerksames, mitmachendes Publikum und feste Tischformationen, die gemeinsam Kostüme entwerfen und anfertigen“, sagt Heribert Mohr. Diese kostümierten Tischgruppen sind alljährlich ein wichtiger Bestandteil des Rosenmontagsumzugs. Der Verein GHCC als Lokomotive und das närrische Volk von Geisa als aktive Mitreisende, dieses Zusammenwirken sieht Heribert Mohr als Erfolgsrezept des Geisaer Karnevals. Die Ulsterstadt gilt als Narrenhochburg Westthüringens und hat zweifelsohne den längsten Schlachtruf im Freistaat: „Zicke Zacke Zicke Zacke Geisa ha, Zicke Zacke Zicke Zacke Geisa ha, Zicke Zacke Zicke Zacke Geisa ha. Hier meckert die Geiß. Hier meckert die Geiß. Hier meckert der Geißbock. Hier meckert das Geißböckchen!“

 


 

Jugend begeistern

Mehr als 140 Mitglieder hat der GHCC heute, die in verschiedenen Gruppen organisiert sind, zum Beispiel Elferrat, Bürgerwehr, Türkenbund, Grenadiere, Schwarze Panther und fünf Tanzgruppen. Die Blauen Funken sind ein eigenständiger Verein, der jedoch mit dem GHCC zusammenarbeitet. „Durch unsere Wurzeln ist es ein großes Anliegen, unsere ureigenen regionalen Besonderheiten wieder stärker zu betonen, zum Beispiel die Pflege unseres traditionellen Liedgutes“, sagt der GHCC-Präsident. „Wir fördern eigene Kräfte, erhalten den Ortsbezug zu Geisa, sind aber trotzdem weltoffen und stehen Neuerungen zur Belebung aufgeschlossen gegenüber. Es gilt, das rechte Maß zwischen Tradition und Wandel zu finden“, meint Mohr. Der Verein fördere die Bindung der Jugendlichen an das Brauchtum mit jugendgerechten Angeboten in Türkenbund, Schwarzen Panthern und in den Tanzgruppen. „Wir sehen die Jugendlichen nicht als Hilfskräfte, sondern sie übernehmen Verantwortung – zum Beispiel in Programmbeiträgen und bei der Organisation des Hutzelfeuers – mit dem Ziel, die kulturellen Werte des närrischen Brauchtums zu verinnerlichen und später fortzuführen“, betont der Präsident. sach

Quellen:

– Wilhelm Ritz, „Das Fastnachtsbrauchtum in Geisa – ein geschichtlicher Rückblick“ (erschienen in der Geisaer Rosenmontagszeitung 1988)

– Franz Adolf Krebs (†), „Geisa-Hinkelhagener Karneval nahm ungeahnten Fortgang“ (erschienen in der Geisaer Rosenmontagszeitung 1988)

– Archiv und Homepage des GHCC (www.ghcc.de)

- Bild: 1939: Prinz Robertus I. und Prinzessin Liesel vom Rockenstuhl mit närrischem Gefolge.